Das "Geschenk" der heiligen drei Könige

Die Komplementärmedizin ist existenziell bedroht.

Von Herbert Holliger

Bis zum Rücktritt von Bundesrätin Ruth Dreifuss vor zwei Jahren waren die Beteiligten optimistisch. Nach anfänglich großen Schwierigkeiten beim Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK) entstand ein Klima, das objektive Resultat aus der geplanten Literatur und Feldstudien erwarten ließ.
Mit der Übernahme des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) durch Bundesrat Pascal. Couchepin wurde diese Stimmung jedoch schlagartig frostig. Das neu verantwortliche Trio mit Departementschef Couchepin, Prof. Thomas Ze!tner, langjähriger Direktor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), und dem ehemaligen Präsidenten der Ärztevereinigung FMH, Hans Heinrich Brunner, der völlig überraschend zum Chef der Abteilung Krankenversicherung ernannt wurde, ist wohl nicht zu unrecht in der Ärztezeitung als "heilige" drei Könige karikiert worden.
Klare Meinungsäußerungen dieser als "Hardliner" bekannten Herren gibt es kaum, deshalb ist eine Prognose sehr schwierig. Dass die Komplementärmedizin jedoch mit ihrer relativ schwachen Lobby - in der bezüglich Reformen der Krankenversicherung seit Jahren weitgehend blockierten Situation - als "Bauernopfer" den Kopf hinhalten muss, ist sehr wohl denkbar. In diese Richtung wird insbesondere von konservativen Kreisen der Schulmedizin bereits intensiv agiert.

Komplementärmedizin ist mehrheitsfähig

Viele komplementärmedizinische Heilmethoden haben eine lange Tradition und sind wie die ayurvedische oder chinesische Medizin seit Jahrtausenden bewährt, also wesentlich länger als die Schulmedizin.
Außerdem bestätigen Umfragen, dass die Mehrheit die Alternativmedizin wünschen und diese auch durch die Krankenversicherung vergütet haben wollen. Eine Umfrage der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) zeigte 2002 deutlich, dass 58 Prozent mehr Komplementärmedizin wünschen - im Gegensatz zu nur 21 Prozent, die mehr Spitzenmedizin verlangen.
Es gibt keinen Grund, die seriösen komplementärmedizinischen Verfahren wieder in den unsozialen Zusatzversicherungsbereich zu verbannen. Ein negativer Entscheid des Bundesrates hätte zweifellos eine große Signalwirkung und könnte unsere bald 20-jährige gesundheitspolitische Aufbauarbeit weitgehend zunichte machen.

Marginale Kosten

Was die Kosten der fünf komplementärmedizinischen Richtungen in der Grundversicherung anbetrifft, konnte bis heute bewiesen werden, dass diese nur eine absolut marginale Rolle spielen. Beim Krankenversicherungsverband "santesuisse" spricht man von etwa zwei Promillen der Grundversicherungskosten, die durch diese Methoden und Heilmittel vom Zusatzversicherungs- in den Grundversicherungsbereich verschoben wurden. Im Vergleich zu vielen andern kostentreibenden Faktoren ist dies also kaum der Rede wert!
Außerdem bin ich überzeugt, dass die Komplementärmedizin, insbesondere bei der wachsenden Zahl an chronischen Erkrankungen nicht nur bessere Resultate erzielt, sondern auch die Kostensteigerung dämpfen kann.
Das Gesundheitswesen ist mit rund 50 Milliarden Franken Umsatz pro Jahr, also mehr als 11 Prozent des Bruttoinlandprodukts und rund 10 Prozent der Beschäftigten, nicht nur der wohl größte Wirtschaftsfaktor und Wachstumsmarkt unseres Landes, sondern auch entsprechend hart umkämpft.
Veränderungen mit Kostenfolgen oder auch nur -verschiebungen sind deshalb äußerst schwer oder nur mit entsprechender Lobbyarbeit durchzusetzen. Trotz steigender Nachfrage kann im Bereich der Alternativ- und Komplementärmedizin nur sehr beschränkt Geld verdient werden, und deshalb konnte bis jetzt die notwendige, professionelle Lobbyarbeit nicht finanziert werden.

Dazu kommt, dass entscheidende Stellen sowohl auf kantonaler wie eidgenössischer Ebene - und ganz besonders bei den äußerst konservativen medizinischen Fakultäten der Universitäten - absolut dogmatisch an der wissenschaftlich keineswegs so unzweifelhaften Schulmedizin festhalten. Die Jahr für Jahr beliebteren, natürlichen und oft auch menschlicheren Verfahren werden deshalb aus Angst oder Futterneid radikal bekämpft und von vielen ins Reich der Kurpfuscherei verdammt.
Da sich die Welt- und Menschenbilder der Schul- und Komplementärmedizin zum Teil wesentlich unterscheiden oder gar widersprechen, stehen wir vor einer schwierigen Aufgabe. Die Integration oder Gleichbehandlung der Komplementärmedizin kann nur gelingen, wenn sich die Bevölkerung öffentlich vehementer für ihre Bedürfnisse einsetzt und notfalls auch bereit ist, dafür auf die Straße zu gehen.

Volksinitiative "Ja zur Komplementärmedizin"

Abgesehen vom politischen Druck ist die Initiative auch langfristig für die Verankerung der Komplementärmedizin in allen Bereichen wichtig. Die Initiative verlangt, dass die komplementär- und alternativmedizinischen Verfahren endlich rechtlich und politisch einen Status erhalten, der ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entspricht.
Das krasse Missverhältnis zwischen der stetig steigenden Nachfrage und dem völlig ungenügenden stationären wie zum Teil auch ambulanten Angebot muss längerfristig beseitigt werden. Nach der Annahme der Initiative durch das Volk in einigen Jahren, könnte die fehlende Umsetzung sowohl bei den Kantonen wie auch beim Bund eingeklagt werden. Dies wäre insbesondere auf universitärer Ebene dringend nötig, um endlich die Komplementärmedizin im Medizinstudium - und damit im Gesundheitssystem - breiter etablieren zu können.

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Herbert Holliger ist seit 1985 Geschäftsführer von anthrosana, dem Verein für ein anthroposophisch erweitertes Heilwesen.

Er ist auch Ko-Präsident des Forums für Ganzheitsmedizin sowie Mitglied des Initiativkomitees „Ja zur Komplementärmedizin".

anthrosana ist mit 6000 Mitgliedern eine Patientenbewegung auf anthroposophischer Grundlage und setzt sich für die Komplementärmedizin ein.

anthrosana. Postplatz 5. Postfach 828,4144 ArIesheim Tel. 061 701 15 14, Fax 061 701 15 03. info@anthrosana.ch - www.anthrosana.ch

(Der Text steht im Zeit*Punkt Nr.79 Seite 35 und 36)


Zum Text hat der Chefredaktor vom Zeit*Punkt einen Zusatz beigesteuert:


Zum Glück ist es ist es zum Eclat gekommen

Seit wir den obenstehenden Text ins Blatt gerückt haben, ist es zum Eclat gekommen: Dem für den ökonomischen Teil des PEK verantwortlichen Dr. oec. Hanspeter Studer wurde das Mandat fristlos und ohne Grund entzogen. Er wurde unter Androhung von rechtlichen Schritten angewiesen, sämtliche Unterlagen sofort zurückzugeben und seine Daten zu löschen.

Über die Hintergründe kann man nur spekulieren. Hans Heinrich Brunner, Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit lehnte am Schweizer Fernsehen eine Stellungnahme zu dieser, wie er sagte "arbeitsrechtlichen Frage" ab.

Vermutlich wusste Studer zu viel. Zum Beispiel fand er heraus, dass die Patienten der Komplementärmediziner, darunter viele Chronischkranke, insgesamt zufriedener sind und kostengünstiger behandelt werden als diejenigen der Schulmedizin.

Nachdem die Komplementärmedizin nur zwei Promille der Krankenkassenkosten ausmacht, ist dies für die Schulmedizin kein Nachteil. Aber ihre Glaubwürdigkeit ist angekratzt. Deshalb musste der schwelende Konflikt eskalieren, und das ist gut so. Jetzt wissen die Komplementärmediziner, mit welchem Gegner sie es zu tun haben. Sie müssen mit aller Kraft dafür sorgen, dass Bundesrat Couchepin nicht, wie von ihm gewünscht, ohne öffentliche Diskussion entscheiden kann. Zuerst müssen die PEK-Resultate auf den Tisch.

Christoph Pfluger






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